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CO2 und Flugscham – auf in die Bahn?

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Im Zuge der kraftgewinnenden Klimaschutz-Bewegungen zeigt sich die Nachfrage nach Flügen in Europa geschwächt. Was unternimmt die Luftfahrt-Industrie? Was planen die europäischen Bahnen? Was tun Politik und Wirtschaft? Und was wir selbst? Sascha Nau rechnet seine persönliche CO2-Bilanz hin und her – und entdeckt den doppelten Sinn von „auf dem Boden bleiben“.

Die Vorher-Nachher-Geschichte eines Anwalts aus dem Rheinland hat mich zum Jahresende ins Grübeln gebracht. Vorher: Ein Besserverdienerleben mit Urlaubsreisen und Luxus-Pkw, gutem Essen und einem schicken Zuhause. Dann: Er beauftragt ein Forschungsinstitut, eine komplette CO2-Bilanz seines Lebens zu erstellen. Danach: Er verzichtet auf den Jaguar, kauft Lebensmittel regional und saisonal, trägt seine Kleider auf, stoppt die Zeit beim Duschen, fährt zu Geschäftsterminen mit dem Zug und rechnet sicherheitshalber einen Puffer von einer Stunde ein; Termine vor 12 Uhr mittags nimmt er daher gar nicht mehr an.

Ist das der richtige Weg? Was das Reisen angeht, ist es nicht wegzudiskutieren: Die kommerzielle Luftfahrt verursacht heute etwa 2,5 Prozent der globalen CO2-Emissionen. Wie Deutschen schlagen sogar besonders zu Buche – unsere Flüge von Deutschland aus sollen für zehn Prozent der deutschen Treibhausgas-Emissionen verantwortlich sein, und mehr als die Hälfte davon sind Urlaubsflüge. Mitunter steht sogar die (noch rhetorische) Frage im Raum, ob die Luftfahrt-Industrie den Klima-Wandel überleben wird. Gleichzeitig entscheiden sich Reisende, etwa in Schweden, immer häufiger ganz bewusst für die Bahn als Alternative zum Flug.

Was tut die Airline-Branche?

Die Luftfahrtindustrie hat die CO2-Emissionen jedes Flugzeugs seit 1990 bereits halbiert, vor allem dank treibstoffeffizienterer Flugzeuge, und plant, die Netto-Emissionen (also die Emissionen nach Abzug von natürlichen und künstlichen Reduzierungen) bis 2050 weiter zu senken und ab 2020 ein klimaneutrales Wachstum zu erzielen. Die IATA möchte mit solchen Argumenten jetzt mit einer Kampagne einer „Flight-Shaming-Bewegung“ entgegenwirken, um das Image der Branche zu verbessern und aufzuklären. Auch die Airlines selbst machen sich Gedanken. So will die niederländische KLM einen täglichen Flug Brüssel-Amsterdam durch die Bahnreise via Thalys ersetzen, und der CEO fordert ganz offensiv dazu auf, Flugreisen zu überdenken: „Müssen Sie sich immer von Angesicht zu Angesicht treffen? Könnten Sie stattdessen den Zug nehmen?“ British Airways hat zum 1. Januar 2020 damit begonnen, die Kohlenstoffemissionen auf allen Inlandsflügen in Großbritannien auszugleichen, um ein aktuelles Beispiel zu nennen.

Was tun die Bahnen?

Gleichzeitig wittern die europäischen Bahnen zu Recht Morgenluft. Einige Beispiele:

  • In Europa gibt es zahlreiche neue Hochgeschwindigkeitsbahnen (ein Großteil davon in Spanien) – mittlerweile sind rund 10.000 Gleis-Kilometer verfügbar.
  • Eurostar International drängt auf eine Fusion mit seinem französisch-belgischen Konkurrenten Thalys International; das Projekt trägt den Namen „Green Speed“. Gemeinsam wollen sie Menschen von Flugzeugen und Autos weglocken und damit die Fahrgast-Zahlen der Bahn bis 2030 um fast zwei Drittel steigern.
  • Die Deutsche Bahn will bis 2030 200 Millionen Fahrgäste für den Fernverkehr gewinnen, ein Plus von 35 Prozent.
  • Die Österreichische OEBB erweitert ihre Nightjet-Nachtzüge um die Verbindung von Wien nach Brüssel und Amsterdam.

Ist das jetzt die große Lösung? Der Bau dieser ganzen Bahnstrecken verursacht schließlich auch CO2-Emissionen. Im Durchschnitt dauert es etwa 16 Jahre, bis eine neue Hochgeschwindigkeitsstrecke in Europa gebaut wird, und einige haben mehr als 100 Millionen Euro für jede eingesparte Minute Fahrzeit gekostet, heißt es. Die Deutsche Bahn will in den nächsten 11 Jahren 156 Milliarden Euro investieren.

Vor- und Nachteile für Bahnreisende

Bahnfahrer teilen Freud` und Leid. Einerseits: Bahnhöfe in den Innenstädten, keine Gepäckgebühren, keine Sicherheitskontrollen, Kinder reisen kostenfrei und werden in einigen Wochenend-Bahnen sogar betreut. Andererseits: Längere Fahrtzeiten als Flugdauern ab einer bestimmten Entfernung, häufige Verspätungen, Unterbrechungen bei Umsteige-Verbindungen oder gar fehlende Verbindungen, Mankos durch ausstehende Liberalisierung, teure Fahrscheine vor allem bei kurzfristigen Buchungen.

Und wieder schlägt das Pendel in Richtung Vorteile: Ein Großteil des Eisenbahnsystems ist elektrifiziert. Die Deutsche Bahn gibt an, dass ihre Fernzüge zu 100 Prozent mit erneuerbarem Strom fahren.

Was tut der Staat?

Fliegen wird teurer: Im Rahmen seines jüngsten Klimapakets hat Deutschland höhere Luftverkehrssteuern beschlossen. Gleichzeitig soll die Nachfrage nach Bahnfahrkarten durch eine Senkung der Mehrwertsteuer angekurbelt und die Deutsche Bahn unterstützt werden. Gerade haben Bahn und Bund ein Milliardenpaket zur Sanierung des Schienennetzes beschlossen – eindeutige Zeichen also.

Was tun Unternehmen?

Reiserichtlinien können auch CO2-Emissionen beeinflussen. Spannend: Ein Projekt names „Climate Perks“ möchte Arbeitgeber überzeugen, Mitarbeitern bezahlte „Reisetage“ zu gewähren, wenn sie mit dem Zug, Bus oder Schiff in Urlaub fahren anstatt zu fliegen.

Und was soll ich nun tun?

Ich bin hin- und hergerissen. Mein persönlicher CO2-Fußabdruck ist trotz Fahrrad-Euphorie an vielen Stellen verbesserungsfähig. Ich habe mir die „Vorher“-Bilanz des Anwalts aus dem Rheinland noch mal genauer angesehen: Drei Minuten duschen haben mit 310 Gramm „CO2-Äquivalenten“ zu Buche geschlagen, eine Tasse Tee mit 20 Gramm, ein Glas Wein mit 600 Gramm, ein Lammfilet mit 1540 Gramm … unterm Strich produzierte der 50-Jährige rund 27 Tonnen CO2 pro Jahr, davon zwei Drittel durch seine Urlaubs- und Geschäftsreisen. Zwei Drittel!

In aktuellen Diskussionen kann ich die Argumente beider Seiten verstehen: Während Klimaforscher das Ende des Billigtourismus ankündigen, sprechen sich Branchenvertreter verständlicherweise dagegen aus, Reisen wieder zum Luxusgut für Gutbetuchte zu machen. Wie weit sind wir von diesem Scheideweg noch entfernt? Und müssen wir, die wir vom Tourismus leben, wirklich an dem Ast sägen, auf dem wir sitzen? Schließlich zählt es auch, dass der Tourismus weltweit jeden zehnten Arbeitsplatz unterstützt.

Ich möchte auf dem Boden bleiben. Also – mitunter auch im direkten Sinn …, aber: Lassen wir uns den – klimafreundlichen – Spaß am Leben nicht verderben, lassen wir uns die grundsätzliche Reiselust nicht nehmen und unsere Kunden nicht verunsichern, lassen Sie uns ein gesundes Maß an Angebotsvielfalt erhalten und eintauchen dürfen in neue Welten. Aber lassen Sie uns gemeinsam nachdenken, an welchen Schrauben wir drehen können, um eine verantwortungsbewusste Balance zu finden. Abwarten und Tee trinken (mit dem 20-Gramm-Bewusstsein, siehe oben …) ist jedenfalls zu wenig.